Countdown zum Start der Huffington Post

Was uns in der Kalenderwoche 40 noch aufgefallen ist: Neues Journalisten-Netzwerk namens Ticula | Runtastic geht an Springer | Deutsche bauen Paywalls, Amerikaner reißen sie wieder ein | Entscheidungsjahr für Deutschlands Zeitungshäuser?

Countdown zum Start der Huffington Post

In Deutschland wartet die Medienbranche mit Spannung auf den am 10. Oktober stattfindenden Start der deutschen Ausgabe der Huffington Post. Deren Ziele sind ambitioniert: In fünf Jahren will man zu den fünf größten Nachrichtenportalen des Landes gehören. Zuvor schon hatte der französische Ableger der HuffPo es in nur einem Jahr auf 3,5 Millionen Unique User gebracht. In den USA hat die vor neun Jahren von Arianna Huffingten gegründete Webplattform mittlerweile so traditionsreiche Medien wie die New York Times hinter sich gelassen.

Das Modell der suchmaschinenoptimierten Mischung aus Inhalten von Gratisbloggern und fest angestellten Journalisten ist umstritten. Springer-Chef Matthias Döpfner nannte es das „Anti-Geschäftsmodell des Journalismus“; der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger sprach von einen Angriff auf alle Versuche von Verlagen, Bezahlmodelle für Digitalangebote zu entwickeln. Denn Paid Content schließt man bei der Tomorrow Focus AG, die die Huffington Post in Deutschland betreibt und zur Burda-Gruppe gehört, dezidiert aus.

Meine Prognose:

  • Die deutsche Huffington Post wird ihre Ziele am Usermarkt erreichen und relativ rasch ziemlich groß werden.
  • Erstmals wird damit ein Nachrichtenangebot, das keinem traditionellen Medienhaus entstammt, eine wesentliche Rolle in dieser Liga spielen.
  • Damit wird die Huffington Post ein wichtiger Spieler auch auf dem digitalen Anzeigenmarkt werden, was die Mitbewerber aus den Medienhäusern zu spüren bekommen.
  • Diese Entwicklung wird auch an Österreich nicht ganz spurlos vorüber gehen, selbst dann, wenn es in weiterer Folge keine eigene Österreich-Ausgabe geben wird.
  • Die Verlagshäuser werden lamentieren, haben dem aber einmal mehr keine eigene Innovation entgegenzusetzen.

Beiträge dazu:

 

Ein neues Journalisten-Netzerk namens Ticula

Es gibt immer mehr Journalisten, die in traditionellen Medienhäusern immer weniger bezahlte Arbeitsplätze vorfinden. Gratis für die Huffington Post zu schreiben, ist eine der Alternativen. Mit Ticula.de gibt es nun eine weitere: Dort können Journalisten in Teams an Online-Magazinen zu verschiedenen Themen arbeiten (derzeit 63) und erhalten dafür einen Anteil an den Vertriebserlösen. Noch läuft bis 31.10. die sogenannte „Vormerkphase“, wo man sich für eine Mitarbeit an einzelnen Magazinen bewerben kann. Jedenfalls ein interessanter und innovativer Versuch, bei dem man gespannt sein darf, was längerfristig daraus wird.

 

Runtastic geht an Springer

Die Mehrheit am oberösterreichischen App-Entwickler Runtastic wurde diese Woche an die Springer AG verkauft. Runtastic wurde 2009 von Florian Gschwandtner, Alfred Luger, René Giretzlehner und Christian Kaar gegründet. Seither hat es sich zu einem der führenden Anbieter von Apps zur Messung von Sportdaten entwickelt.  Nach Angaben des Unternehmens gibt es bereits 19 Millionen registrierte Nutzer; die Apps – allen voran eine für Läufer – sollen bereits 46 Millionen Downloads verzeichnen können. Gratulation dem jungen Team zu diesem Erfolg.

Was sich damit auch zeigt: Ist einmal ein österreichisches Startup erfolgreich, dann sind österreichische Medienhäuser als Partner oder (Mit-)Eigentümer nicht die erste Wahl. Digitalisierungsstrategien à la Springer mit Diversifizierungen in journalismusferne Segmente sind damit hierzulande nur schwer umsetzbar.

 

Deutsche bauen Paywalls, Amerikaner reißen sie wieder ein

Nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDVZ) haben in Deutschland bisher 56 Zeitungen in ihren Digitalangeboten Paid Content eingeführt (> Liste des BDVZ). Rund 70 Prozent der Verlage setzen dabei auf das Freemium-Modell, wo die Redaktionen entscheiden, welche Artikel kostenpflichtig sind und welche nicht, berichtet W&V. Ein knappes Viertel hat das „Metered Model“ im Einsatz, wo eine gewisse Anzahl an Artikeln frei genutzt werden kann. Keine Angaben gibt es darüber, wie hoch die Erlöse aus diesen Angeboten sind – und damit, wie erfolgreich Paid Content nun tatsächlich ist.

In den USA reißen indesen die ersten Medienhäuser ihre Paywalls wieder ein. Nach dem San Fransico Chronicle ist nun auch die Dallas Morning News wieder von Bezahlangeboten abgerückt.

What we concluded from this research was that subscribers were not paying for the content, so much as paying for how they wanted to consume the content we published. They were paying for a print experience.

 

Entscheidungsjahr für Deutschlands Zeitungshäuser?

Ken Doctor vom renommierten Nieman Journalism Lab vergleicht Deutschland und die USA und zieht eine Bilanz der Lage von Deutschlands Zeitungen. Und die fällt ziemlich ernüchternd aus:

The sense of decline and chaos here stands in sharp contrast to even four years ago. Now Germany … has found itself subject to the same hurricane forces of digital disruption.

Gute, wenn auch ernüchternde Zusammenschau der Entwicklungen der vergangenen Monate mit dem Schluss, dass 2013 als jenes Jahr in die Geschichte eingehen könnte, in dem die Situation in deutschen Verlagshäusern tatsächlich gekippt ist.

Gut dazu passt auch ein Auftritt von Wolfgang Blau (Director of Digital Stratgy, The Guardian) Ende vergangener Woche in Wien vor Absolventen des Masterprogramms International Media Innovation Management:

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